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Kopenhagen

In Zimmer 606 ist die Zeit stehen geblieben.

Kopenhagen.

Die Türe zum Zimmer 606 geht langsam auf. Ein grauer Teppich kommt zum Vorschein, edles, dunkles Wenge-Holz bis auf Hüfthöhe an den Wänden, ein Sessel, wie aus dem Ei gepellt. Hier ist die Zeit stehen geblieben. Es ist Sommer 1960; es ist das neuste, das innovativste, das überraschendste Hotelzimmer der Welt. Der Vorhang vor dem rechteckigen Fenster bricht das milchige Licht. Blau- und Grüntöne dominieren den Raum, bei den Sesseln, beim Bett. Jedes Detail besticht. Die Lampen. Der Aschenbecher. Und in einer abgeschlossenen Vitrine steht ein formvollendeter Salzstreuer. Wohl der letzte der Originalausstattung, der noch nicht geklaut wurde. Wir sind zurück im Jahr 2007 und schliessen das Zimmer hinter uns. Andächtig.

Das Radisson SAS Royal ist das exklusivste Designer-Hotel Kopenhagens.

Das gesamte Hotel, von der Fassade über die Lobby bis zu den «Swan»- und «Egg»-Stühlen trägt die Handschrift von Arne Jacobsen, dem Multitalent, der die dänische Architektur und das dänische Design revolutionierte und weltweit bekannt machte. 1971 ist er gestorben, 2002 wäre er 100 Jahre alt geworden und hätte seine Freude gehabt an der dann eben vollzogenen Renovation aller 257 Zimmer. Im skandinavischen Design sind sie stilvoll und geschickt renoviert und mit Bang & Olufsen-TVs ausgestattet, versteht sich. Die Nierenform der 50er-Jahre als Leitmotiv, etwa bei der Beleuchtung hinter dem Bett, den ovalen Kontrastformen im Teppich, den sandgestrahlten Lichtelementen in den Einbauspiegeln, unterstreichen ebenfalls Jacobsens Erbe. In den Bädern sind kleine Glasmosaike in horizontalen Farbnuancen eingesetzt, um ein durchgängiges Gestaltungskonzept zu erreichen. Einzig das Zimmer 606 beliess man im Originalstil – als Museum.

Draussen auf der Hammerichsgade, unweit der Einkaufsstrasse Stroget und dem Tivoli Garden, stehen wir vor dem Monolithen, dem ersten Wolkenkratzer Dänemarks. Ein Meilenstein. Das SAS Royal Hotel. Und horchen den Erläuterungen über Jacobsen. Es zog ihn unter ästhetischen Gesichtspunkten bei Möbeln immer zu organischen, an die Natur angelehnten Formen, getreu dem Motto, das Komplexe zum Einfachen hin zu reduzieren, während er bei den Gebäuden eher zur strengen Geometrie neigte.

Arne-Jacobsen-Fans und Design-Liebhaber sind hier richtig.

Auch abseits des SAS Hotels. Denn es wartet ein Royalshopping im Retrofieber. Junge Schmuckdesigner und Modeschöpfer machen den Einkaufsbummel zu einer Abenteuerreise in spielerisches Neuland. Und im Danish Design Center am Tivoli und im Kunstindustrimuseet hinterm Schloss Amalienborg zeigt die Stadt Alltagskunst und Gebrauchsgegenstände, die Kult wurden. Aufgereiht stehen sie nebeneinander: Gläser, Thermoskannen, Tischlampen, Besteck, eine Rechenmaschine, ein alte ovale Holzdose, ein Mixer, Spielzeugautos, Stuhlmodelle, futuristisch anmutende Zahnbürsten und ein Nilfisk-Staubsauger, der aussieht wie ein Ei auf Rädern.

Auch kulinarisch hat sich Dänemark in den letzten Jahren gewaltig gesteigert. Zurück im SAS Royal, zuoberst im 20. Stock, überrascht das Alberto-K-Restaurant mit Gourmeterlebnissen und dem Blick über das Lichtermeer des Tivoli. Mit Arne-Jacobsen-Besteck natürlich. In den 80er-Jahren als Ausbruchswerkzeuge eines Hochsicherheitsgefängnisses verschrien und im Keller eingemottet, wurde es von Stanley Kubrick wieder ausgegraben für den Film Space Odyssey – und ist heute wieder im Gebrauch.

Text: Gregor Waser

Gregor Waser lebt in Zürich, arbeitet seit mehreren Jahren als Reisejournalist und betreut neu bei «Sonntag», der neuen Sonntagsausgabe der «Mittelland Zeitung/Aargauer Zeitung», die Reiseseiten.