
Indien - Hinter den Haremsmauern
Augenzeugenberichte aus dem 16. Jahrhundert geben Einblick in das prunkvolle Leben und die ungewöhnlichen Sitten der indischen Maharadschas. Ein Tag im Palast des Moguls Akbar in Fatehpur Sikri.

So könnte es eines Dienstags im Jahre 1581 gewesen sein. Kurz nach Sonnenaufgang wird der Mogul Akbar von seinem Diener geweckt. Er lässt sich minuziös bekleiden, samt Kopfschmuck, und begibt sich auf den Balkon. Dort zeigt er sich mit einem Nicken seinem Volk und erbringt damit den Beweis, dass er noch lebt und gesund ist. Danach kehrt er zurück ins Schlafgemach und legt sich nochmals für zwei Stunden hin. So beschreibt ein portugiesischer Pater die ersten Tagesstunden Akbars.
In der Geschichtsschreibung kommt Akbar, der von 1542 bis 1605 gelebt hat, insgesamt gut weg. Denn er versprach seinem Reich Frieden. Obwohl er ein islamischer Herrscher war, verbat er die Zerstörung hinduistischer Tempelanlagen. Lange Zeit hatte Akbar keine Kinder, seine Nachfolge war noch nicht gesichert. Er suchte einen Einsiedler und Wahrsager auf, um ihn nach der Zukunft zu fragen es wurden ihm drei Söhne prophezeit. Die Vorhersage traf ein und Akbar verliess seine Residenz in Agra, um an jener Stelle zu regieren, wo der Einsiedler lebte. In Fatehpur Sikri liess er eine prächtige Stadt errichten mit türkischen, indischen und ostasiatischen Stilelementen.
Kostbare Teppiche und Tücher schmückten die gigantische Anlage, die auch heute noch gut erhalten ist.
Mittags wohnte Akbar Elefantenkämpfen bei. Gegen vier Uhr kündigten Trommelwirbel die Versammlung in der Audienzhalle an, im Diwan-i-Am, wo politische Fragen erörtert wurden. Im Anschluss folgten Gespräche im Ghuslkhana, einer Art Badelandschaft.
Hier im kleineren Kreis wurden Pläne ausgeheckt, aber auch Alkohol und Opium konsumiert.
Akbar beschäftigte Tausende von Dienern für seinen aufwendigen Lebensstil. Regelmässig nahm er als Feldherr an Eroberungszügen teil, dabei wurden Kriegselefanten, Reiter und Kanonen eingesetzt. Zurück am Hof, widmete er sich mit Vorliebe der Musik, dem Tanz und seinem Harem. Tänzerinnen und Musiker aus dem ganzen Reich mussten in Wettstreiten gegeneinander antreten. Fremde Männer hatten keinen Zutritt, nur die Eunuchen und Akbars engste Berater durften den Harem betreten. Der Harem war für den Mogul auch eine Art Hochsicherheitsbereich, in dem er Schätze und geheime Waffen aufbewahrte.
Akbar wird auch als Philosoph und Denker beschrieben, der sich sein Leben lang mit der Suche nach einem «wahren» Glauben beschäftigte. Gleichzeitig soll er auch Mäzen gewesen sein, dem die gegenseitige Durchdringung persischer und indischer Kultur ein besonderes Anliegen war. Iranische, türkische, afghanische und hinduistische Musikkünstler wurden in grosser Zahl an den Hof geladen. Der Hofchronist Abul Fazl berichtet in seinen Aufzeichnungen von der üppigen Entfaltung der Künste dank dieser reichen Quellen der Inspiration.
Text: Gregor Waser, Reisejournalist



