
Havanna mi amor
Buena Vista Social Club hautnah.

Im alten Cadillac entlang Havannas Malecón: Das Meer zischt und schäumt, spritzt zur Uferstrasse herauf, und die Sonne strahlt auf die bröckelnden Fassaden. Unvermittelt setzen sie ein, die Gitarren, Bongos und Timbales, schon die ersten Klänge sind dicht und prall, ineinander verwoben, lassen nicht los. Und nun kommen die Stimmen dazu: «De Alto Cedro voy para Marcané.» Es ist sinnlich und verführerisch schön, das Lied über Chan Chan und Juanica. Die Worte fliessen und steigen an, laden die Spannung auf. «El cariño que te tengo, yo no lo puedo negar», singt Ibrahim Ferrer. Eine Trompete setzt ein, hebt ab, schwingt sich hinauf, und die Gitarre folgt. Der Cadillac biegt auf den Paseo del Prado, am Capitol und an der Kathedrale vorbei.
Die Son- und Bolero-Virtuosen der Veteranengruppe Buena Vista Social Club kennen den Sabor, diese Urquelle der kubanischen Musik, von der auch der Salsa lebt. Drei Millionen CDs gingen seit Ende der 90er-Jahre über den Ladentisch, Konzertsäle wurden verzückt und ein eindrücklicher Dokumentarfilm verdeutlicht die Wucht der authentischen Interpreten und ihrer Musik. Es ist ein hochprozentiger Cocktail, geprägt von Lebensgier und tränenseliger Nostalgie. Die Musiker berühren, erzählen vom Anfang des letzten Jahrhunderts, von einer farbigen Welt, von überhitzten Gefühlen und verführerischer Sinnlichkeit.
Ibrahim Ferrer, Compay Segundo, Rubén González sind gestorben, der Erfolg des Buena Vista Social Club hält an, sein Erbe lebt weiter.
Posaunen, Violinen, Gitarren, Trompeten die Grundspur ist da, der Teppich der Leidenschaft gelegt. Langsam tritt sie aus dem Dunkeln, Claves schlagen aufeinander, geben den Rhythmus vor. Nun ist sie im Licht: Omara Portuondo. Erst ein feines Wispern. «Yo te ofresco mi amor.» Dann erzittert ihre Stimme und kippt von Hoffnung in Verzweiflung. Ein Minidrama, eine Verdichtung des Lebens. Nun steht auch Ibrahim Ferrer am selben Mikrofon, sie blicken einander an. «Dos gardenias para ti, con ellas quiero decir: Te quiero, te adoro, mi vida.» Rubén González lässt seine langen Finger über die Oktaven tanzen und die Trompete setzt ein.
Der Sound ist voll und rund. Die alten Musiker sind pure Energie, intensiv und tief.
Sie blicken zurück, auf die alten Zeiten, werden nostalgisch, lachen und sind betrübt. Liebe, Kummer, Hingabe, Sehnsucht, Leidenschaft im Son ist alles drin, subtil vermischt und mit den Metaphern Feuer und Wasser angeregt. Kubas Doppeldeutigkeit bleibt ein Geheimnis. Mit dem Son ist man nahe daran. Es ist die Vermählung der afrikanischen Trommeln, der perkussiven Geheimsprache, mit den spanischen Gitarren und Liedertraditionen. 1910 tief aus dem Osten Kubas nach Havanna geschwappt, ist es eine Welle voller Anmut und Witz, voller Energie und Bitterkeit.
Der Cadillac lässt Havanna hinter sich. Auf der holprigen Strasse geht es zu den Feldern hinaus, entlang der Zuckerrohrplantagen. Die Sonne ist nun hinter den Hügeln. «Duermen en mi jardín, las blancas azuencas, los nardos y las rosas.» Die Stimmen umschmeicheln sich, es ist das Lied von den Lilien und den Rosen, die im Garten schlafen.




