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Buenos Aires - Hauptstadt des Tango

Ein schwarz-gelbes Taxi zwängt sich durch einen jener typischen Staus auf der gigantischen Avenue de 9 Julio. Der Fahrer verflucht den Verkehr. Sein Fahrgast hört ihn nicht. Dessen gesamte Aufmerksamkeit gilt der Musik, die aus den krächzenden Lautsprechern des Autoradios erklingt. Diese Musik hat ihn den weiten Weg über den Ozean überhaupt erst antreten lassen: Ein fein gegliederter Rhythmus, eine betörende Melodie, eine Stimmung, die vergessene Welten heraufbeschwört.

Buenos Aires - Hauptstadt des Tango

Die einzigartige Schwermut, welche die «Bandoneones» verströmen, hat einen Namen: Tango. Der Chauffeur bemerkt das Interesse seines Klienten: «Wundervoll, nicht? Tango ist einzigartig!» Der Reisende reagiert nicht, er lässt sich treiben in dieser schmachtenden Welt, geboren aus europäischen, afrikanischen und amerikanischen Klängen.

Die Musik wirft ihre Akzente auf alles, was er durch die Fensterscheiben sieht. Sogar die Plakatwände scheinen Buenos Aires zu besingen. Eines der Plakate lädt zu einem Konzert eines berühmten Musikers: «Tango en el Tasso». «Was ist Tasso?» – Der Tourist spricht in unsicherem Spanisch. «Das Tasso ist ein <Boliche> im San Telmo.» Natürlich hat unser Reisender viel gehört von San Telmo, diesem schönen Quartier mit Kolonialbauten, wo man die Traditionen um den sinnlichsten Tanz der Welt bewahrt. Er weiss, dass er, wenn er Glück hat, in den Gassen junge «Portenos» antreffen wird. Diese werden ihm Türen öffnen, hinter denen sich die verborgene Welt des Tango verbirgt. «Boliche» (und er nimmt dieses Wort in seinen spanischen Wortschatz auf) sind die Clubs, wo Tango-Musiker auftreten. Dort wird er traditionelle Orchester hören. Aber auch junge Komponisten, die dem klassischen Tango elektronische Klänge beimischen. Sie verhelfen jener alten Musik, die die Tanzflächen des ganzen Planeten erobert, zu einer zweiten Jugend.

Und er sieht sich schon, draufgängerisch, den Tango lernen, gewissermassen an seiner Quelle. Er wird berühmte «Milongas» besuchen, diese mythischen Ballsäle. Dort würde er alte und junge Tänzer studieren, die Jahr für Jahr, Schritt für Schritt dem Tanz aus Buenos Aires ein weiteres Geheimnis entlocken. Das Taxi hält vor dem Hotel. Der Traum verflüchtigt sich. «Amüsieren Sie sich gut, Amigo!», ruft der Fahrer seinem Gast noch zu. Dann verschwindet er im zügellosen Rhythmus der Stadt, diesem einzigartigem Rhythmus, der Seele des Tango.

Der Besucher spürt jetzt, dass er angekommen ist. Von nun an nimmt er teil am Leben der Hauptstadt, an ihrer nostalgischen Lust. Diese Lust lässt die Menschen tanzen bis zum Morgengrauen. Und lässt sie am frühen Morgen erwachen in den Cafés rund um den Rio de la Plata.

Text & Fotos: Rodrigo Carrizo Couto

Rodrigo Carrizo Couto ist Journalist und Fotograf und arbeitet seit 2003 für die spanische Tageszeitung «El País» als Korrespondent in der Schweiz. Seine Jugend hat er in Buenos Aires verbracht.